häupter Haus in der Pikk genannten Gasse geht. Beinahe unübersehbar die Zahl der Kaufmannshäuser mit ihren hohen Erdgeschossen und den Kränen im Giebel, mit denen die Waren in die oberen Stockwerke gebracht wurden. Das Kopfsteinpflaster ist obligatorisch, dazwischen immer wieder kleine Restaurants und Bars, die insbesondere am Freitag- und Samstagabend voller meist junger Leute sind. Im Sommer kommen (leider) viele Tagesausflügler von den Kreuzfahrt-Schiffen dazu, die im nahen Hafen festmachen – jetzt im Winter ist Tallinn viel estnischer. Oberhalb der Stadt liegt der Burgberg, heute Regierungsviertel, einst Sitz des Generalgouverneurs – hier hatten auch die Gutsherren ihre Stadthäuser, deutlich stattlicher als die Kaufmannshäuser in der Stadt. Und hier steht auch die Dom­kirche, in der die Adelswappen der Barone hängen. Sie wurden einst auf­wändig geschnitzt, um im Trauerzug vorneweg getragen zu werden. Namen, von denen uns einige bekannt sind, die in der russischen Geschichte eine größere Rolle spielen – Erinnerungen an eine Reise mit Prof. Dr. Dethard von Winterfeld vor anderthalb Jahren werden wach: seine Mutter stammte aus dem Baltikum, für ihn war es Teil der weitverzweigten Familiengeschichte, an der er uns teilhaben ließ. Unweit davon – gleich neben der wunderschönen, recht bescheiden wirkenden Deutschen Botschaft hat Zar Alexander III sein Programm zu Stein werden lassen: in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wollte er das Baltikum russifizieren, ließ die Alexander-Newskij-Kathedrale bauen. Alexander Newskij hatte am gar nicht weit entfernten Peipus-See im 14. Jahrhundert den Vormarsch der Ordensritter gestoppt und damit eine Grenze definiert, die Jahrhunderte Bestand hatte und nach den langen russischen Jahren Estlands heute Russland und die EU trennt.
Tradition und Moderne - dazu gehört auch das Sängerfest, zu dem sich fast 100.000 Besucher in Tallinn alle 5 Jahre treffen. Mit den alten Liedern hat sich Estland in die Freiheit gesungen, die Trach­ten werden herausgeholt und getragen. Und jeder Este erzählt begeistert von seinem Bauernhof, auf den er sich gerne zurückzieht.
(c) Lingua & Cultura Tours, 2014

 

Fotos: Lingua & Cultura Tours, Michael Baumert